Gedenkstätte für die Opfer von Gewalt

Die Fenster

Wer die Oberkirche betritt, übersieht angesichts des allgegenwärtigen Ziegelmauerwerks und des vorherrschenden Dämmerlichts die Fenster zunächst. Erst ein Blick auf die Südwand des Raumes erschließt den Eintretenden die Farbenpracht der sechzehn Fenster, die hier die Wand durchbrechen.

17 Werner Regner, Weinstockfenster
           (Foto: Peter Wallmann)
18 Werner Regner, Weinstockfenster
          Foto: Peter Wallmann)

Werner Regner hat in den Jahren 1958/59 in ihnen einen Weinstock dargestellt, der in den fünf Fenstern der gleichen Wand in der Unter-
kirche verwurzelt ist. Ihre sich nach unten verjüngen-
de Trapezform erinnert an das Aussehen einer aus vielen Beeren bestehenden Weintraube - Beeren, die auch immer wieder in den Fenstern sichtbar werden.

Weinstock und Trauben sind zum einen ein eucha-
ristisches Symbol; sie ver-
weisen auf das Blut Christi und greifen damit die The-
matik der Unterkirche wie-

der auf. Zum anderen symbolisieren sie unter Verweis auf Joh 15,5 das Verhältnis zwischen Christus und allen Gläubigen: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben."

Die Weinstockfenster setzen sich zu beiden Seiten unterhalb der Bedachung der Oberkirche fort - allerdings mit einer anderen Thematik: auf der östlichen Seite mit Szenen aus dem Alten Testa-
ment, auf der westlichen mit Darstellungen des Neuen Testamentes.

Auf der Westseite senken sich die Fenstertrauben im Altarbereich wieder zur Erde nieder. Hier hat Werner Regner im Jahre 1974 auf dreiundzwanzig Fenstern in abstrakten Formen die The-
men Himmelfahrt (Farbe Blau), Auferstehung (Farbe Weiß) und Geistsendung (Farbe Rot) ab-
gehandelt.

So stehen sich in der Ausstattung der Oberkirche zwei Kern- und Angelpunkte der Heilsgeschich-
te gegenüber: das Kreuzesopfer Jesu Christi, das der Menschheit das ewige Leben eröffnet hat (verdeutlicht in den Weinstockfenstern der Südseite), und die Parusie am Ende der Zeiten, die mit dem Beginn der Gottesherrschaft verbunden ist (verdeutlicht durch das Skulpturenensemble des Altarraumes).  Diese Themen stehen nicht isoliert im Raum, sondern haben ihren Ort in den Fensterfolgen des Alten und Neuen Bundes an Ost- und Westwand der Kirche.

Von diesen Fenstern hat Regner nur noch eines ge-
schaffen, die Grablegung Christi an der Westwand. Fünf andere Künstlerinnen und Künstler wurden mit den Entwürfen für je sechs weitere Fenster beauf-
tragt: Albert Reinker (1926 - 2014), Hans Müller (Le-
bensdaten unbekannt), Margarete Franke (1909 - 2011), Hildegard Bienen (1925 - 90) und Egbert Lammers (1908 - 96). Die Koordination dieses Teams, mit der Regner beauftragt war, war wichtige Voraus-
setzung für das Gelingen des Gesamtwerkes.

   19 Albert Reinker, Schöpfungsakt
            (Foto: Peter Wallmann)
20 Albert Reinker, Erschaffung der Pflanzen und Tiere (Foto: Peter Wallmann)

Lammers erarbeitete einen Passionszyklus, Bienen eine Fensterfolge zur Lebensgeschichte Je-
su, Franke zu Höhepunkten der Geschichte Israels, Müller zur Urgeschichte der Menschheit und Reinker zur Schöpfung.
Da hier nicht alle diese Fenster gezeigt werden können, werden lediglich zwei der Schöpfungsfenster Albert Reinkers vorgestellt.

Im hier abgebildeten Schöpfungsakt gestaltete Reinker die werdende Erde als eine feste nahezu quadratische, dunkle Masse im Zentrum, umgeben von fluiden, sich verfestigenden Formen, von Pfarrer Heyer als "Urschlamm um die Leere eines Abgrunds" gedeutet, die jedoch auch als die gestaltenden Hände Gottes gesehen werden können.

Bei der Erschaffung der Pflanzen und Tiere hingegen bedient er sich gegenständlicherer For-
men; die Dar
stellung wirkt fast verspielt. Die drei Tiere Eule, Pferd und Fisch repräsentieren die Tierarten der Elemente Luft, Land und Wasser. Der Pflanzenbewuchs wird angedeutet durch Blätter von Bäumen und Gräsern.