Gedenkstätte für die Opfer von Gewalt

Die Parusie

Eine breite spiralförmige Treppe verbindet die Unterkirche mit der Oberkirche. Sie ist nicht nur als architektonisches Element zu sehen, sondern - ebenso wie die Bildwerke der Kirche - als Zei-
chen. Sie führt die Aufsteigenden aus der Passion Christi und all der Opfer auf dem Boden der Unterkirche und nimmt sie hinein in die Auferstehung und Wiederkunft des Herrn, die Hauptthe-
men der Oberkirche sind.

Wer diese Treppe hinaufsteigt, wird als Ers-
tes mit der Parusie konfrontiert, die sich auf dem großen Relief an der Stirnwand des Raumes vollzieht. Seine äußere Form spie-
gelt die basilikale Architektur des Kirchen-
baus wider. Es wurde von Elmar Hillebrand  (* 1925) im Jahre 1963 geschaffen und ist das zentrale Bildzeichen der Oberkirche.

Unter Verwendung von Formelementen aus verschiedenen Stilepochen stellt der Künst-
ler das Himmlische Jerusalem aus der Vogel-
perspektive dar. Das Zentrum der Stadt hat die Form einer Mandorla, einer mandelförmi-
gen Gloriole - Symbol der Lichtkraft und Herr-
lichkeit Gottes. 

Das Lamm der Unterkirche begegnet uns hier erneut - allerdings nicht als wehrloses Opfer, sondern in der Pose des Siegers, der sich anschickt, die Herrschaft anzutreten.

   13   Elmar Hillebrand, Die Parusie des Lammes (1963)
                              (Foto: Peter Wallmann)
 

Die Stadt Gottes hat die Form eines Vierecks (Offb 21,16). Auf ihren vier Ecktürmen stehen vier Engel. Sie halten die vier Winde fest, die vor dem nun beginnenden Weltgericht der Erde Scha-
den zufügen sollen (Offb 7,1). Die Stadt wird von den sieben Gemeinden umgeben, die die Ge-
samtheit der Menschen repräsentieren. Über ihnen schweben sieben Engel, die die Posaunen des Gerichts blasen.

Unter dem Parusierelief erhebt sich der Thron des unsichtbaren Gottes (Offb 4,1-11). Stellver-
tretend für ihn liegt auf der Sitzfläche sein Wort, die Heilige Schrift. Der Thron ist ebenfalls eine Arbeit Hillebrands (1959).

   15   Helge Kühnapfel, Tabernakel der Oberkirche (1966)
                              (Foto: Peter Wallmann)
 

Der Tabernakel rechts neben der Altarinsel ist ein Werk Helge Kühnapfels (1966). Die Bronzearbeit in Form eines stilisierten Bau-
mes, dessen Zweige sich in die vier Him-
melsrichtungen erstrecken, symbolisiert einen der in Offb 22,2 beschriebenen Bäume des Lebens, die zwölfmal im Jahr Früchte tragen, und deren Blätter zur Heilung der Völker dienen. In seinem Wipfel ruht eine Taube, Symbol des Hl. Geistes. Die vier un-
teren Blätter umschließen das Tabernakelge-
häuse, in dessen Innerem das Brot des Lebens, die geweihten Hostien, aufbewahrt werden. Seine Außenwände sind mit vier Darstellungen der Emmausgeschichte (Lk 24, 13 ff.) geschmückt. Die Vorderseite zeigt die Szene, in der die Jünger Christus am Brotbrechen erkennen - ein Verweis auf die geweihten Hostien im Inneren des Taberna-
kels.

In der Vorderseite des Tabernakelstipes birgt eine vergitterte Nische ein von Helge Kühn-
apfel und Christa Kühnapfel-Depiereux ge-
staltetes Reliquiar, in dem sich eine Reliquie des hl. Albertus Magnus befindet. Die Nähe der Reliquie zum im Sakrament anwesenden Christus symbolisiert die nach katholischer Auffassung schon jetzt bestehende Gemein-
schaft der Heiligen mit Christus im Himmel. 

An der Westwand im rückwärtigen Teil der Kirche ist ein Wandbehang zu sehen, der ebenso wie das Lamm des Parusiereliefs die Botschaft der Unterkirche wieder aufgreift und nach Pfarrer Heyers Deutung heilsgeschichtlich auf den Punkt bringt: Jakobs Kampf mit Gott. Man könnte auch sagen: Gottes Kampf mit Jakob (Gen 32, 23 ff.).

Es handelt sich um eine Applikationsar-
beit mit grobem Leinen, die von der Bild-
stickerin Grete Badenheuer (1908 - 93) im Jahre 1963 angefertigt wurde. 

Das Thema wird häufig als Kampf Jakobs mit einem Engel dargestellt. In der Genesiser-
zählung ist jedoch lediglich die Rede von einem Mann, der mit ihm ringt, und der sich ihm schließlich als Gott offenbart. Die Künstlerin stellt den Augenblick dar, in dem das Morgengrauen das Dunkel der Nacht zerreißt und der bis dahin unentschiedene Kampf dadurch sein Ende findet, dass der Angreifer Jakob durch einen Schlag auf die Hüfte außer Gefecht setzt.

Heyer sieht in dieser Szene eine Metapher für das Ringen Gottes um den Menschen - ein Bild unseres unheilvollen Zustands und der Verheißung unseres Heils. Gott "macht uns heil durch den Kampf, den sein mensch-
geborener Sohn ... für uns auf sich genom-
men hat" (Pfarrbrief v. 1.8.63).

          Grete Badenheuer, Jakob ringt mit Gott (1963)
                             (Foto: Peter Wallmann)